Bonner Querschnitte 32/2008 Ausgabe 84

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„Christliche Bücher kritisch lesen“

Interview mit Dr. Franz Graf-Stuhlhofer anlässlich des Erscheinens seines gleichnamigen Buches

(Bonn, 19.12.2008) Bücher, Mengen von Büchern. Viele Behauptungen, Argumente und Meinungen. Wer hat recht, wem soll man glauben? Wer die eigene Abhängigkeit von den Meinungen anderer verkleinern will, wer zu eigenen Urteilen fähig werden will, muss selbst auch etwas dazu tun. Dieses Buch will dabei helfen. Wie erkennt man auch als Laie, ob Angaben falsch sind? Wie erkennt man, ob ein Argument sinnvoll ist oder eher ins Leere geht?

Dazu hat der Wiener Historiker Dr. Franz Graf-Stuhlhofer für das Martin Bucer Seminar ein eigenes kleines Studienbuch verfasst. Darin findet der Leser eine Reihe von Erläuterungen, jeweils gefolgt von mehreren Beispielen – insgesamt mehr als hundert. Anhand dieser Beispiele soll der Leser üben, selbst zu urteilen. Im Anschluss finden sich die Lösungen. Die Beispiele sind konservativer evangelischer Literatur entnommen.

Das Ziel: Der mündige Leser. Der Weg dahin: Teils mühsam, teils unterhaltsam. Der Gegner: Faktisch und argumentativ schwache Bücher – und die eigene Denkfaulheit.

Zuletzt hatte sich der Autor im gleichen Verlag in seinem Buch „Das Ende naht!“ mit Irrtümern in evangelikaler und anderer Endzeitliteratur beschäftigt.

[Hinweis: „BQ“ darf bei Übernahme gegen den Namen der eigenen Veröffentlichung ersetzt werden. Das Interview darf auch teilweise übernommen werden.]

Interview

BQ: Herr Dr. Graf-Stuhlhofer, wie kommt ein Historiker dazu, ein so ungewöhnliches Buch zu schreiben?

Graf-Stuhlhofer: Ich bin zwar Historiker (habe auch in Geschichte promoviert), aber ich bin vielseitig interessiert; ich habe auch in den Naturwissenschaften einen Abschluss, und meine Forschungen im Bereich der Theologie publizierte ich in anerkannten theologischen Reihen und Fachzeitschriften. Dementsprechend fallen mir Mängel in Sachbüchern verschiedener Bereiche auf.

 

BQ: Könnten Sie Ihr Anliegen kurz in zwei Sätzen zusammenfassen? Was wünschen Sie, was der Leser hinterher gelernt hat?

Graf-Stuhlhofer: Der Leser soll – vorerst unter meiner Anleitung – beim Bücherlesen ein kritisches Mitdenken einüben. Er wird dann eher imstande sein, schwache Bücher als solche zu erkennen, und wird seine Zeit eher für die Lektüre von „starken Büchern“ investieren.

 

BQ: Die Lektüre Ihres Buches wirkt beim ersten Hineinsehen etwas mühsam. Es werden Aufgaben gestellt, die dazugehörigen Lösungen findet man erst später. Aus welchen Büchern Sie Ihre Beispiele entnommen haben, kann man dann überhaupt erst ganz am Ende Ihres Buches eruieren …

Graf-Stuhlhofer: Ja, zuerst kommt die Aufgabe – der Leser soll versuchen, selbst die Antwort zu finden, bevor er liest, was ich ihm als „Lösung“ präsentiere. Man liest also nicht so glatt dahin wie in einem Roman. Aber es ist auch spannend, seine eigenen Fähigkeiten beim Hinterfragen des Gelesenen zu entdecken! Dass die Namen der teilweise kritisierten christlichen Autoren erst am Buch-Ende zu erkennen sind, hatte einen einfachen Grund: Ich wollte verhindern, dass der Leser primär darauf achtet, wer da jetzt kritisiert wird. Es war ja nicht mein Anliegen, bestimmte Christen zu kritisieren.

 

BQ: Sie betonen – schon in Ihrem Buchtitel – die Notwendigkeit, christliche Bücher kritisch zu lesen. Also meinen Sie offenbar, in manchen oder vielen Büchern Mängel zu erkennen. Handelt es sich dabei um schwerwiegende Mängel oder eher um Irrtümer in den Einzelheiten?

Graf-Stuhlhofer: Häufiger findet sich sicherlich das zuletzt Genannte. Aber ein Autor, der durch eine Mehrzahl von Irrtümern in den Einzelheiten zeigt, dass er sich in dem behandelten Gebiet nicht gut auskennt, ist wohl nicht der Richtige, um anderen Christen auf diesem Gebiet eine Orientierung zu geben. Insofern sind also auch solche Irrtümer in „nebensächlichen Einzelheiten“ aufschlussreich.

 

BQ: Sie widmen also Ihre Anleitung zum kritischen Lesen speziell den christlichen Büchern, insbesondere konservativen evangelischen. Sind diese Bücher besonders schwach?

Graf-Stuhlhofer: Nein, ich entdecke auch in Publikationen von Universitätsprofessoren – unabhängig von deren jeweiliger persönlicher Weltanschauung – ähnliche Mängel. Das fiel mir früher nur selten auf, allmählich aber häufiger. Dieses nun verstärkte Wahrnehmen ist vielleicht ein Ergebnis zunehmender Übung im kritisch-lesen, vielleicht hängt es auch damit zusammen, ob ich das Buch eines Autors – etwa aufgrund von dessen Status – eher bewundernd lese oder eher mit einer prüfenden Haltung.

 

BQ: Dann wird es von Ihnen vielleicht eines Tages noch ein weiteres Buch geben, eine Anleitung zum kritischen Lesen von Sachbüchern im Allgemeinen, ohne Einschränkung auf christliche?

Graf-Stuhlhofer: Das kann sein. Aber die Hilfestellung für Christen hat Priorität. Mir war es vor allem wichtig, dass wir Christen darauf achten, dass wir von fachlich guten Büchern lernen, und dass wir auch beim Weitergeben von christlicher Literatur mit evangelistischen Absichten solche Bücher wählen, die auch für Andersdenkende überzeugend sind. 1. Thessalonicher 5,21 („prüft alles …“) gilt sicherlich auch hier, im Hinblick auf Bücher als Hilfsmittel zur Hinführung zum christlichen Glauben, und zur Vertiefung darin.

 

BQ: Wir danken Ihnen für dieses Interview!

 

Franz Graf-Stuhlhofer, geboren 1955, Dr.phil. in Geschichte (Universität Wien) sowie B.Sc. in Naturwissenschaften (Universität Aarhus). Forschungsarbeiten u.a. über die Naturwissenschaftsgeschichtsschreibung („Lohn und Strafe in der Wissenschaft“, 1987), über den Bibelgebrauch im Altertum (1988) und über Predigten zur NS-Zeit („Öffentliche Kritik ...“, 2001).

 

Literaturangaben:

Franz Graf-Stuhlhofer. Christliche Bücher kritisch lesen – Ein Lehr- und Arbeitsbuch zum Trainieren der eigenen Urteilsfähigkeit. Theologisches Lehr- und Studienmaterial (MBS) Band 26. Verlag für Kultur und Wissenschaft: Bonn, 2008. ISBN 978-3-938116-59-3. Pb. 87 S., 12.00 EUR

Dieses Buch kann über den Buchhandel oder online bei Opens external link in new windowwww.genialebuecher.de bezogen werden.

Franz Graf-Stuhlhofer. Das Ende naht! Die Irrtümer der Endzeit-Spezialisten. Theologisches Lehr- und Studienmaterial (MBS) Band 24. Verlag für Kultur und Wissenschaft: Bonn, 2007. ISBN 978-3-938116-30-2. Pb. 260 S., 16,00 EUR

Dieses Buch kann über den Buchhandel oder online bei Opens external link in new windowwww.genialebuecher.de bezogen werden.

 

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  • Initiates file downloadCover „Christliche Bücher kritisch lesen“
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