Bonner Querschnitte 23/2020 Ausgabe 641

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Färöer: Die kleinste Staatskirche der Welt

(Bonn, 17.04.2020) Christine und Thomas Schirrmacher haben Ende des vergangenen Jahres auf vier der fünf Hauptinseln der Färöer-Inseln (Vagar, Streymoy, Fystoroy und Bordoy) lutherische Kirchen besucht. Sie nahmen am Gottesdienst der Hósvíkar-Kirche teil, besuchten eine Konfirmationsklasse in der Sandavadur-Kirche und dokumentierten etwa die Hälfte der 58 Kirchen der Inseln.

Tinganes, die Landzunge mit dem Regierungsviertel am Ort des Things seit dem Jahr 825 © Stig Nygaard CC BY 2.0Kein Punkt auf den Inseln der Färöer ist weiter als fünf Kilometer vom Meer entfernt. Tórshavn ist die kleinste Hauptstadt der Welt. Regierung und Parlament residieren nach wie vor in den restaurierten Holzhäusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert auf der Landzunge Tinganes am Meer oberhalb des Hafens, wo seit 825 das Thing tagt. Zusammen mit den Things auf Island und der Isle of Man sind das die ältesten parlamentarischen Versammlungsorte der Erde.

Die gut 50.000 Inselbewohner – die Färinger, auch Färöer genannt – betrachten sich nicht als Dänen, sondern als eigenständiges Volk, das von den Wikingern auf den Färöern abstammt. Sie sprechen die färöische Sprache, die aus dem Altwestnordischen entstand und mit dem Isländischen und dem Norwegischen verwandt ist. Die Färöer haben eine eigene Flagge und sie sind seit 1948 eine weitgehend autonome „Nation innerhalb der Reichsgemeinschaft mit Dänemark“. Als Dänemark 1973 Mitglied der späteren Europäischen Union wurde, entschieden sich die Färöer dagegen.

Die Hósvíkar Kirkja © BQ/Thomas SchirrmacherBis 2005 war die lutherische Kirche der Färöer Bistum der dänischen lutherischen Staatskirche mit der dänischen Königin als Oberhaupt. Seit 2007 ist die lutherische Staatskirche der Färöer an die Stelle getreten, Oberhaupt ist jetzt der färöische Ministerpräsident, zuständig das Kulturministerium. Die färöische Volkskirche ist die kleinste Staatskirche der Welt, der 85 Prozent der Einwohner angehören. Dem Status einer Staatskirche entsprechend sind Pastoren Beamte. Theologisch-geistliches Oberhaupt der färöischen Volkskirche ist seit 2007 Bischof Jógvan Fríðriksson.

Die 58 Gemeinden auf den Inseln haben jeweils ihre eigene Kirche. Da sie von 25 Pastoren betreut werden, sind Laiengottesdienste üblich. Eine der charakteristischsten Perioden der färöischen Architektur ist die Errichtung der färöischen Holzkirchen von 1829 bis 1847. Die Religion hat im Leben der Färinger einen höheren Stellenwert als in den meisten anderen westlichen Gesellschaften. Das Christentum ist in allen Medien ständig gegenwärtig.

Die ersten Siedler dürften irische und schottische Mönche gewesen sein. Das erste schriftliche Zeugnis für eine – wenn auch temporäre – Besiedlung gab der irische Mönch und Chronist Dicuil im Jahr 825. Die Inselgruppe wurde nach und nach für die Nordmänner aus Skandinavien zur Dauersiedlung. Sie schufen ein eigenes Parlamentswesen mit Thingstätten auf Teilen der Inselgruppe und einem Hauptthing in Thorshavn. Sie folgten der alten nordischen Religion.

Die Übernahme des Christentums auf den Färöer-Inseln war eine politische Angelegenheit, da sich im Jahr 999 Sigmundur Brestisson, einer von zwei rivalisierenden Häuptlingen, Unterstützung beim norwegischen König Harald Tryggvason suchte, der selbst gerade 994 Christ geworden war. Brestisson siegte und sorgte für die Annahme des Christentums durch das färöische Thing. 1271 wurden die Färöer zur norwegischen Kolonie und das Christentum Staatsreligion. 1380 gingen die Färöer dann zusammen mit Norwegen an die dänische Krone.

Blick von der St. Olvaskirche auf den Magnusdom © BQ/Thomas SchirrmacherZentrum der Macht, der Religion und der Kultur im Mittelalter war der Bischofssitz in Kirkjuboer, etwa fünf Kilometer südwestlich von Tórshavn, mit der kleinen Sankt Olavskirche von 1250 und dem Wikingerhof aus dem 11. Jahrhundert. Erst Ende des 13. Jahrhunderts wurde dort der Bau des viel größeren Magnusdoms begonnen und vermutlich nie vollendet.

1538 erreichte die Reformation die Inseln. Dadurch wurde die Vorherrschaft der dänischen Sprache verewigt. Das katholische Bistum Färöer wurde aufgehoben, Kirkjuboer verlor jede Bedeutung. Kirchenland wurde Königsland. Der dänische König gewann immer mehr an Einfluss. Ab 1709 wurde die Inselgruppe, die über 1.000 Kilometer von Dänemark entfernt liegt, sogar direkt von Kopenhagen aus regiert. Die Geistlichen waren Dänen und die National- und die Kirchensprache war bis 1939 Dänisch.

Erst 1948 bekamen die Inseln eine Teilautonomie mit eigener Regierung, Verwaltung und Flagge. Die erste Bibelübersetzung in Färöisch wurde aber erst 1961 vollendet. Heute gibt es durch den Zuzug von Menschen aus allen Erdteilen auch Baptisten, Pfingstler, einige Katholiken sowie Zeugen Jehovas und Bahai auf der Insel.


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